Im Namen des Marc

Ein Brief zum neuen, frauenfreundlichen Boulevard-Journalismus, inklusive wirksamen Massnahmen zur Umsetzung an Ringier-CEO Marc Walder

Hoi Marc! Ich habe kürzlich irgendwo gelesen, dass ihr mit «Blick» nun einen Paradigmenwechsel vollzieht. Das finde ich grossartig! Weg vom Bedrängen von Opfern von Gewalttaten hin zum Respektieren der Privat- und Intimsphäre. 
«Eine Abkehr vom alten Boulevard, der zu oft voyeuristisch und verletzend gewesen ist», hat sich Hannes Britschgi, euer Chef-Ausbildner, zitieren lassen. Super!

Es ging ja irgendwie nicht mehr weiter so, nicht? Ich meine, in einer emanzipierten Gesellschaft haben eure Blut-Busen-Büsi-Geschichten kein Fundament mehr. Das habt ihr, glaube ich, selbst gemerkt. Wirklich gut. Man kann nicht in einer neuen und lila-aufgemachten Berichterstattungsreihe Opfern sexueller Gewalt eine wichtige Stimme geben, am nationalen nationalen Frauenstreik eine Extraausgabe drucken, um dann andere Frauen, willkürlich ausgewählt, medial teeren, federn und vierteilen zu lassen, weil sichs grad gut verkauft. Lange konnte der Blick Ereignisse oder Zitate erfinden oder erschütterte Witwen solange schütteln, bis unten die Fotos der Liebsten herausfielen. Und wenn doch was moralisch schief ging, wurde bis vor Gericht in sündhaft teuren Prozessen einfach abgestritten, überhaupt Fehler gemacht zu haben. Die erstrittenen Genugtuungen habt ihr dann amigs aus dem Porto-Kässeli bezahlt und die Gewinne behalten. 

Aber nicht du, Marc! Du stehst zu den Fehlern der Vergangenheit. Auch in meinem Fall. Du hast dich letzten Sommer in einem eigenen Blick-Artikel mit Foto, in welchem du gut gekleidet seitlich in die Kamera schaust, für den ganzen Mist, den ihr über mich geschrieben habt, entschuldigt. Stark! Eben auch, dass du dich für alles entschuldigt hast, für die gesamte Medienkampagne. Man sagt, es sei die sexistischste und frauenverachtendste Hetze der Schweizer Mediengeschichte gewesen. Aber das wisst ihr alten Boulevardgurgeln am Besten. Über 200 konstruierte, persönlichkeitsverletzende, menschenverachtenden Artikel voller Sex– und Männerfantasien über mich, nach allen Regeln der Schmierfinken-Kunst. Sagen wir es so: Es war eine Medienhetze from Hell, gibt ja nichts schönzureden.

«Entschuldigung, Jolanda Spiess-Hegglin!» Grosse Worte für den Blick! So hast du dich zitieren lassen, ich fand das nett, ich mein, so nach all dem. Und, wie du mehrfach betont hast: Du sagtest dies, ganz ohne das sagen zu müssen!
Man habe im Rückblick gemerkt, dass Jolanda Spiess-Hegglin durch die Berichterstattung verletzt worden sei, konnte man da lesen. «Es war, ist und wird nie unsere Absicht sein, mit unserer Berichterstattung Leid zu verursachen.» – Das konnte ich allerdings weniger glauben. So unsensibel kann ja gar niemand sein. Ich vermutete stets, dass notorische Persönlichkeitsverletzungen, also euer jahrzehntelanger USP und das Leid, welches diese Grenzüberschreitungen mit sich bringen, wenn Personen in die öffentliche Arena gezerrt werden, das Businessmodell sind, auf dem dein gesamter Wohlstand und der Wohlstand der Familie Ringier fussen. Ihr nennt das “das ist halt Boulevard-Journalismus”. Ich nenne es ein menschenverachtendes Geschäftsmodell. Aber item, ihr sagt ja jetzt, damit sei es vorbei. Wirklich?

Ich habe noch so meine Zweifel, ob ihr das wirklich ernst meint und euren schönen Worten Taten folgen lasst. Denn hey, lieber Marc, schau, ich hab hier – as we speak – unter einem Stapel Büroarbeit, jedoch noch nicht allzu weit unten, ein aktuelles Gerichts-Dokument gefunden.
Da drin – auf über 70 Seiten und mehrere Monate nach deiner öffentlichen Entschuldigung –  formuliert Ringier in deiner Verantwortung Sätze gegen mich, wie:

  • «Die Klägerin ist kein Medienopfer, sondern hat sich – bisher recht erfolgreich – als solches inszeniert.»
  • «Es gab keine Persönlichkeitsverletzung.»
  • «In den eingeklagten Artikeln ist nichts falsch, nichts diffamierend, nichts verletzend, sondern alles die schlichte, banale, einfache Wahrheit.»
  • «Die nachhaltige Stigmatisierung der Klägerin ist und bleibt ihre unbegründete Erfindung.»
  • «Den Gedächtnisverlust erfindet man, um sich nicht an Einzelheiten erinnern zu müssen.»
  • «Bestritten und irrelevant die Behauptung, die Klägerin habe Morddrohungen und dergleichen erhalten.»
  • «Die Klägerin hat keinen Reputationsschaden, schon gar keinen massiven.»
  • «Unrichtig ist der klägerische Gedanke, die Beklagte habe mit diesen Artikeln viel Geld verdient.»
  • «Die Beklagte hat mit den eingeklagten Artikeln keinen Gewinn erwirtschaftet.»
  • «Wo es keine Persönlichkeitsverletzung gibt, gibt es auch keine Gewinnherausgabe.»
  • «M. H. als den «Lover» zu bezeichnen, ist (…) zulässig.»
  • «Den Ehemann als den «Gehörnten» zu bezeichnen, ist nach Lage der Dinge ebenfalls zulässig.» 

Als hätte es die inzwischen rechtsgültige, gerichtliche Verurteilung von Ringier nie gegeben. Das Urteil hätte deutlicher nicht sein können. Wegen “krasser Verletzung” meiner Persönlichkeit. Jetzt geht alles weiter, wie bis anhin. Ihr akzeptiert: Nichts! Denn es geht um die zivilrechtliche Auseinandersetzung. Sprich: Es geht jetzt um das Geld, welches ihr auf dem Buckel der Opfer erzielt. Und das gehört den Opfern, nicht euch. Die widerrechtlich erzielten Erlöse gehören nicht in deine Massanzüge und nicht in die Ringier-Kunstsammlung. Darum geht es.
 
Ein Sorry kommt dir über die Lippen. Bravo. Aber wenn es darum geht, dass es etwas kosten könnte, da kennst du offenbar kein Pardon. Da macht ihr einfach weiter mit dem Victim Blaming. Mit der Frauenverachtung, dem Sexismus, der Verhöhnung einer Frau, welche den Platz nicht einnehmen will, welchen die Männer mit Macht ihr zugewiesenen haben. 

Ihr macht einfach dort weiter, wo ihr euch stark fühlt. Mächtig und potent, zumindest finanziell. Nämlich in den sehr aufwändigen und enorm teuren Zivilverfahren. Da fahrt ihr fort mit Täter-Opfer-Umkehr und maximalem Zynismus.
Diese Zivilverfahren sind als normale Betroffene fast nicht zu stemmen, aber weisst du was, die sind absolut notwendig, damit nicht nur mein  Glaube an Gerechtigkeit und Aufarbeitung nicht ganz verloren geht. Damit endlich etwas geschieht, was mehr bewirkt, als schöne Worte. Damit ihr endlich das Geld herausrückt, welches ihr zu Unrecht erwirtschaftet habt. Bis jetzt seid ihr immer gratis bis billig weggekommen. Und weisst du noch was. Ich bin wild entschlossen, dass das nicht mehr passiert. Im Sinne aller Medienopfer, in meinem Sinne und im Sinne der Ankündigungen zum neuen Blick. Wenn euch das in Zukunft wirklich teuer zu stehen kommt, ist das die beste Garantie, dass diese ganz perfide Art an Gewalt, insbesondere gegen Frauen, endlich aufhört. Aber das ist ja neuerdings ganz in eurem Sinne.
 
„Wir können aber Tag für Tag dazulernen und immer und immer wieder versuchen, es besser zu machen. Das ist unsere erklärte Absicht,“, hast du in deinem Entschuldigungstext geschrieben. Gute Idee. Es freut mich ausserordentlich, dich in deinem Anliegen zu unterstützen. Wir haben übrigens sogar einen Hashtag lanciert, #derletzteKlatsch. Damit auch der Boulevard-Journalismus eine anständige Zukunft hat.
 
Bleib da dran.
Beste Grüsse, Jolanda

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